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Hunger auf Kunst und Kultur

 

Und er ist wirklich der Vater?

Eine persönliche Erinnerung von Birgit Primig-Eisner

Wer sein Leben mit einem behinderten Partner teilt, muss immer mit mehr oder weniger diskreten Fragen, mit mehr oder wenigen direkten Angeboten rechnen. Besonders spannend wird es, wenn durch eine Schwangerschaft offensichtlich wird, dass es in dieser Beziehung auch Sexualität gibt.

"Kann er denn...?" "Und technisch? Spürt er's auch?" Auf Fragen wie diese zu antworten war anfangs gar nicht so leicht. Ich kannte ja die Antworten selbst noch nicht. Dass er "kann", habe ich vermutet. "Technisch" hatte ich keine Ahnung. Und vor dem Kapitel "spürt er's" hatte ich mehr Angst, als ich selber eingestehen wollte. Es dauerte nicht lange, da waren die Antworten klar: ja, mit Phantasie, ja. Genauso schnell wurden mir die Fragen auch lästig. Ich bin dazu übergegangen, keine konkreten Auskünfte mehr zu erteilen, sondern zu raten, es doch selbst einmal auszuprobieren. Mein zusätzlicher Vorschlag, Kontakte zu behinderten Männern und Frauen herzustellen, erwies sich als gute Methode, um allfällige weitere Fragen abzublocken. Für die zweite Variante musste ich mir erst das notwendige Hintergrundwissen aneignen. Nach einem medizinischen Fachvortrag über die Funktion der Sexualorgane und ihrer möglichen Einschränkungen verging auch den Hartnäckigsten die Lust auf Details.

Die einzige vernünftige Reaktion noch ganz zu Beginn der Partnerschaft kam von meiner Mutter. Sie riet mir zu größter Vorsicht. Denn: "Er ist ja auch nur ein Mann." Interessant waren diejenigen Mitmenschen, die keine Fragen stellten, weil sie diese längst beantwortet hatten. Ein Arbeitskollege äußerte sein "Wissen" auf eine besonders wohlwollende Art: Wenn ich eines Tages wider Erwarten doch Lust auf einen "richtigen" Mann bekommen sollte, er stünde jederzeit bereit, meinen "Hunger auf Erfüllung" zu stillen. Ich habe ihm bei der nächstfolgenden Gelegenheit vor dem Publikum auf sein - durchaus hübsches - Hinterteil gegrapscht. Mit einer derart aktiven Frau umzugehen, war er allerdings nicht Mann genug. Er ergriff die Flucht und ich war befriedigt.

Frauen reagierten viel weniger mitleidig als Männer. Häufig wurde ich mit Bewunderung über meine vermeintliche Opferbereitschaft, ja sogar Leidensfähigkeit konfrontiert. Als Trost wurde mir immerhin zugestanden, dass er zumindest optisch recht passabel, wenn nicht ein Prachtexemplar ist. In einer nächtlichen Frauenrunde wurde ernsthaft darüber diskutiert, wie denn der Widerspruch zwischen meiner grossen Selbständigkeit und Emanzipation zu diesem "eingeschränkten" Leben zu erklären sei.

So extreme Situationen standen zum Glück nicht auf der Tagesordnung. Es waren viel eher die skeptischen Blicke, wenn ich etwa vom traumhaft schönen Urlaub zu zweit erzählt habe, an die ich mich gewöhnen musste. Schliesslich fanden sich auch die Menschen in meiner Umgebung mit meiner Situation ab. Die nächste Welle der öffentlichen Erregung wurde durch meine Schwangerschaft ausgelöst. Der grosse, pralle Bauch war anscheinend vielen der Beweis, auf den sie lange gewartet haben. Die Tatsache "Baby" war viel weniger interessant als die Tatsache "gelebte Sexualität". Wer noch immer misstrauisch war, erkundigte sich, wer denn der Vater sei. Eine Nachbarin sprach zum gemütlichen Kaffeplausch aus, was sich vermutlich viele gedacht hatten: "Ich freue mich ja so für Dich. Du musst ja doch nicht wie eine Nonne leben."

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