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"Wenn der Liebste kommt"

Persönliche Gedanken und Überlegungen von Dorothea Brozek - Domino 4/97

Um mein Leben so normal als möglich zu leben - normal nicht im Sinne von Norm per se, sondern so wie alle anderen auch, mit allen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die das Leben bietet, im Sinne von Chancengleichheit - brauche ich Persönliche Assistenz.

Zu meiner Person; ich bin Anfang 30, Rollstuhlfahrerin und in einem hohen Ausmass auf Assistenz angewiesen. Auch wenn ich stundenweise alleine sein kann, so muss doch immer jemand auf Abruf kurzfristig erreichbar sein.

Persönliche Assistenz zu organisieren, ist eine Geschichte. Es braucht eine gewisse Zeit, um sich dafür die notwendigen Managerqualitäten anzueignen. Aber mit persönlicher Assistenz zu leben, in allen Facetten, das ist eine andere Geschichte. Gerade der Bereich Beziehungen, Sexualität ist nicht immer einfach, weil ja stets eine dritte Person dabei ist, beziehungsweise davor oder danach. Das ist für mich immer wieder eine Herausforderung. Aber auch für meine Assistentinnen und manchmal für den jeweiligen Partner. Ich lebe in einer klassischen 2er Beziehung und bin gerade dabei, viel Neues auszuprobieren. Da kriegen meine Assistentinnen sehr viel von mir mit, weil ich sehr viel Assistenz brauche. Ich merke, dass ich zu mir und zu meinem Lebensstil wirklich fest stehen muss, um meine Vorstellungen, Wünsche und Phantasien zu verwirklichen. Ständig zu denken: was denkt meine Assistentin bloss von mir, habe ich mir schnell abgewöhnt, denn das ist verlorene Zeit.

Doch bis ich soweit war, dieses Selbstbewusstsein und ein gutes Gefühl für mich selbst und meine Bedürfnisse zu entwickeln, brauchte es schon etwas Zeit. Vor allem aber meine Bereitschaft, mich immer wieder auf neue Situationen einzulassen. Und dieser Prozess geht natürlich ständig weiter. Genauso wie ich meinen Alltag mit persönlicher Assistenz organisieren muss, so auch meine Liebesbeziehungen. Und gerade für diesen Bereich des Lebens kann ich mir auch nur persönliche Assistenz vorstellen. So beispielsweise, wenn ich eine Verabredung habe. Es kribbelt in mir, ein Abenteuer bahnt sich an. Jetzt muss ich für mich entscheiden, wie ich die Situation manage. Zuerst muss ich auf mein Gefühl in Bezug auf die Person, mit der ich das Date habe, hören. Wie weit will ich gehen, wie weit will ich mich in eine Situation der Abhängigkeit begeben und kann ich Vertrauen haben. Das ist wichtig für mich, weil in der sexuellen Begegnung meine physische Unterlegenheit missbraucht werden könnte. Sobald ich ausserhalb meines Rollstuhles bin, ist so eine Situation gegeben. Das muss ich realistisch einschätzen, solange ich meine Liebesbeziehungen so spontan und oft auch chaotisch leben will.

Nachdem ich also mein Gefühl zu dem potentiellen Liebespartner ausgelotet habe, vereinbare ich mit der Assistentin, wann sie zum Dienst kommen soll. Also, entweder erst in der Früh, oder spät am Abend mit der Bitte, sich "unsichtbar" zu machen. Oder bis zu einer bestimmten Uhrzeit auf Abruf abzuwarten, denn schliesslich kann ich ja nicht den ganzen Abend vorplanen. Es kann sich auch ganz anders ergeben - da ist ja noch die Person meines Begehrens, deren Wollen und nicht Wollen ausserhalb meiner Managerkünste stehen...

Hier kann kein ambulanter Dienst oder ein klassicher Anbieter von Sozialen Diensten meinen Bedürfnissen gerecht werden. Dort sind nämlich die Dienstpläne starr, wochenlang im vorhinein fixiert, Abenddienste zu Zeiten eines Krankenhauses und auf das Wesentliche beschränkt. Es kommen Personen, die man sich nicht selbst gewählt hat, die man sehr oft noch nicht einmal kennt.

Die Kontrolle über mein Leben habe ich nur, wenn ich selbst bestimmen kann, wer mir wann, wo und wie Assistenz leistet. Gerade im Bereich der Sexualität ist es für mich enorm wichtig, dass ich die Kompetenz darüber habe, wer mich unterstützt. Ich kann mir doch nicht von einer Person, die ich beim Aufwachen zum ersten Mal sehe, aus dem Bett helfen lassen und der Liebste neben mir räkelt sich genüsslich. Da ist zwangsläufig eine derartige Nähe zwischen drei Personen, mit der umgegangen gelernt sein will. Voraussetzung dafür aber ist, dass ich mir die Assistenzgeberinnen selber wähle. Für Fronika, eine Assistentin von mir, kam die Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität bei einem konkreten Anlass. Ich fragte sie, ob sie mich auf eine Reise begleiten würde. Ich hatte einen Mann kennen gelernt, es hat gefunkt, endlose Telefonate auf 500 km Distanz.

Jetzt wollte ich es genauer wissen. Das Besondere und Schwierige daran war, dass der Mann auch behindert war und genau soviel Assistenz brauchte wie ich. In einem Gespräch erinnert sich Fronika an die Situation: "Für mich war es klar, dass die Entscheidung letztendlich auf eine andere Assistentin fiel, das war auch so ok. Schliesslich war ich erst ein Jahr deine Assistentin. Jetzt im Rückblick könnte ich sagen, dass ich diese intime Assistenz schon machen könnte. Es wäre vielleicht nur ein wenig Verunsicherung da, weil ich die andere Person nicht kenne, und da hätte ich Angst, etwas kaputt zu machen."

"Eine wichtige Voraussetzung, nahe Assistenz zu leisten, ist mein Verständnis von persönlicher Assistenz", reflektiert Fronika ihre Arbeit. "Dafür hat es aber Zeit gebraucht, um meine Rolle klar zu sehen, für die Assistenznutzerin eine Bewegungshilfe zu sein, nicht rein mechanisch natürlich. Wenn ich gewisse Denkstrukturen verinnerlicht habe, dann braucht es Zeit, zu lernen und zu begreifen, was unter persönlicher Assistenz zu verstehen ist. Und wenn da Leute kommen, die ihre Sozialarbeitermentalität abgestreift haben, ist es sicher schwer. -Schwer für die behinderten Menschen."

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