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Beratungsstelle für behinderte Menschen

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Domino: 4/96 Editorial

Das Kind wird niemals laufen, sprechen und denken können, sprach der Arzt zu meiner Grossmutter, als er mich als zweijährigen Buben untersuchte. Eine Diagnose, die Folgen hatte. Mir wurde keine Therapie gewährt. Ein hoffnungsloser Fall! Nur meine Grossmutter glaubte das nicht. Sie packte mich auf den Küchentisch, schmierte mich mit einer Menge Creme ein und massierte. Und sie widerlegte die "fachliche Diagnose" Erst danach wurde Förderbedarf attestiert.

Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. In eine "Regelvolksschulklasse". Nach einem Jahr stellte eine Lehrerin fest, dass ein behindertes Kind eine Zumutung sei. Gemeint war ich, und es erfolgte eine "Überstellung" in eine Sonderschule. Heute würde sich niemand so leicht mehr trauen zu formulieren: "Ein behindertes Kind ist eine Zumutung." Die moderne Formel heisst: "Wir wollen nur die beste Förderung für Ihr Kind", und die gibt es nur in der Sonderschule. Das stimmt! Aber nur, wenn es die Schulpädagogik so vorschreibt. An der Geisteshaltung der Schulbehörde hat sich seit meiner Schulzeit sehr wenig geändert. Nur die Dialektik ist eine andere. Behinderte Kinder und ihre Eltern sind nach wie vor der Willkür des Schulsystems ausgesetzt. In der neuen Schulorganisationsnovelle wird dieses sogar gesetzlich verankert. Der Direktor hat das letzte Wort, er entscheidet über Integration oder Nichtintegration. Er entscheidet über den weiteren Lebensweg des behinderten Kindes. Und das willkürlich nach rein subjektiven Kriterien. Für die Folgen wird er nicht zur Rechenschaft gezogen.

Gekonnt setzt die Schulorganisationsnovelle Rahmenbedingungen, die eine pädagogisch sinnvolle Schulintegration unmöglich machen. Erst ab durchschnittlich 5 Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf kann eine Integrationsklasse eingerichtet werden. PraktikerInnen wissen, dass dieses in der Praxis zum Nachteil bzw. Scheitern der individuellen Förderungsmöglichkeiten führt. Genau damit, so scheint es, spekuliert die Schulbehörde. Kompliment an die zuständige Ministerin Elisabeth Gehrer. Geschickt verstand es die Taktikerin, diesen Entwurf zu präsentieren, und sich am Ende doch als "Integrationsbefürworterin" zu profilieren. Die Eltern sind in diesem Spiel die eindeutigen Verlierer. Das Match ist verloren.

Wir müssen erkennen, und akzeptieren, dass es ideologische Unterschiede gibt, und dass es nicht genügt, nur Überzeugungsarbeit zu leisten. Behinderte Menschen werden in Österreich diskriminiert. Dieser Umstand wird nicht nur geduldet, sondern in einigen Gesellschaftsgruppen "gepflegt". Sie wollen es nicht anders. Wie ist es sonst zu erklären, dass die ÖVP sich anfangs im Petitionsausschuss im Oktober dieses Jahres gesträubt hat, die Petition für ein Gleichstellungsgesetz im Verfassungsausschuss zuzuweisen. Erst auf massiven Druck der anderen Parteien hin stimmte sie doch noch zu. In Österreich wird nur gleiches gleich behandelt, aber Ungleiches ungleich. Das entspricht einer konservativen christlichen Weltanschauung. Und diese vertritt mit Stolz die ÖVP. Hier schliesst sich der Kreis. Konservative Schulpolitik ist selektierende, aussondernde Schulpolitik. Nur wo ist derzeit die Alternative? Sozialdemokraten hüten ihren Ansatz zur offenen Bildungspolitik wie einen Schatz, der so gut versteckt wurde, dass er zur Zeit unauffindbar ist.

Andreas Oechsner

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